Dr. Martin Luther King, Jr. 

Jazz Center & JazzKirche Berlin 

Ziel ist es, in der Metropole Berlin eine JazzKirche mit einem Ort des interreligiösen und interkulturellen Dialogs durch Jazz zu schaffen.

Jazz Heute
Jazz hat solch eine Vielfalt von Musikstilen hervorgebracht, welche Menschen unterschiedlichster Kulturen, Generationen und Milieus zu begeistern vermag. Ob Dixieland, Blues, Gospel, Swing, Cool Jazz, Bebop, Fusion, Latin-Jazz oder Free Jazz, sie sind längst Klangalltag in Klubs, Bars und Konzertsälen, in Musikschulen, Proberäumen, ja, Wohnzimmern rund um den Globus geworden. das Verständnis des Jazz längst nicht mehr traditionell nordamerikanisch. Die Folklore Osteuropas, mediterrane und nordafrikanische Musik, tibetanische und gregorianische Gesänge, indische Klassik, Reggae, elektroakustische Musik, Punk, Chanson, Tango und Klezmer etc. dienen dem Jazz als Inspirationsquellen: eine improvisierte Weltmusik des 21. Jahrhunderts.
 




Jazz in Berlin
Auch in Berlin spielt Jazz eine wichtige kulturelle Rolle. Denn die Stadt kann sich heute im 21. Jahrhundert zu Recht national und international eine der bedeutendsten Europäischen Metropolen des Jazz nennen. Berlin hat eine reiche Klub-, Festival- und Hochschulszene. Und die Impulse, die von Berliner Jazzmusiker*innen, von Solist*innen, Ensembles, Komponist*innen und Arrangeur*innen seit Jahrzehnten weltweit ausgehen, sind von einzigartiger Substanz und Bedeutung. Dies zeigt sich u. a. in zahlreichen Festivaleinladungen, Publikationen, Residencies und Preisverleihungen.

 Aber auch die Initiative von Berliner Jazzmusiker*innen der vergangenen Jahre, einen zentralen Standort des Jazz in Berlin, das House of Jazz aufzubauen, zeugt in ihrer konzeptionellen Weite von diesem Bewusstsein und misst Jazz über sein Kernpublikum hinaus eine gesamtgesellschaftliche Relevanz zu.

 

Jazz in Kirchen
Jazz in der Kirche – ein Fremdkörper? Die Antwort ist: Natürlich nicht. Im Gegenteil. Jazz ist genuin Ausdruck von Spiritualität und Improvisation ist ein Verhalten mit transzendenter Tendenz. Wer improvisiert geht über sich hinaus, über das Sichtbare, auch über das Hörbare und rührt an eine Ahnung, was das Leben sein könnte. Jazz hat zudem seine Wurzeln in den Spirituals und Gospels der ersten protestantischen Kirchen mit afroamerikanischer Prägung. Und mit diesem „Spirit“ der Anrede Gottes in Lob und Klage, mit dieser Glaubens- und Seelentiefe, ist der Jazz, nicht zuletzt in Form des Blues, hinaus in die Welt getragen worden. Nicht wenige Bandleader und Arrangeure waren zugleich Kirchenmusiker, darunter auch der bekannte Blues- Musiker und Vater der modernen Gospelmusik Thomas Dorsey und Duke Ellington, einer der bedeutendsten und wegweisenden Komponisten des frühen Jazz. Einige der einflussreichsten Aufnahmen wie die Sacred Concerts von Ellington, ebenso A Love Supreme von John Coltrane sind weltweite Bestseller mit spirituellem, ja, sogar liturgischem Hintergrund. Auch im zeitgenössischen Jazz finden sich etliche renommierte Künstler, die vieles in ihrer Musik als dezidierten Ausdruck christlicher Spiritualität begreifen – u. a. Ike Sturm, Take Six, Janne Mark, Gregory Porter und Robert Glasper. Wenn Jazz in der Kirche erklingt, ist es also wie eine Rückkehr zu seinem Ursprung, wie eine Wiederbesinnung auf seine spirituelle Natur.
Diese ist durch drei Merkmale besonders gekennzeichnet:
    - die Freiheit des Ausdrucks
    - die Freiheit der Improvisation
    - die Freiheit der Kommunikation des Moments
Aus diesen drei künstlerischen Merkmalen ergibt sich ein viertes, daraus resultierendes theologisches Merkmal, die Freiheit der Individualität coram Deo. Der Künstler offenbart sich in seiner geschöpflichen und kreativen momentanen Einzigartigkeit vor Gott. Und der Zuhörer hat an dieser Offenbarung teil.
Oft haben Musiker*innen und Hörer*innen diesen befreienden Spirit gespürt und beschrieben. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Freiheit des Jazz dem Wesen des protestantischen Christentums so sehr entspricht.
Dr. Martin Luther King, Jr. schreibt in seinem Grußwort für das erste Berliner Jazzfest 1964:
“Jazz speaks for life. The Blues tell the story of life’s difficulties, and if you think for a moment, you will realize that they take the hardest realities of life and put them into music, only to come out with some new hope or sense of triumph. This is triumphant music. (...) And now, Jazz is exported to the world. For in the particular struggle of the Negro in America there is something akin to the universal struggle of modern man. Everybody has the Blues. Everybody longs for meaning. Everybody needs to love and be loved. Everybody needs to clap hands and be happy. Everybody longs for faith.”
 

Netzwerk
Weltweit gibt es seit den 1950er Jahren daher auch evangelische Kirchen, die mit Jazz als Gottesdienstliche Musik arbeiten. In Deutschland verstärkte sich das Interesse an dieser neuen (alten) kirchenmusikalischen Form wieder, als prominente Jazzmusiker wie Jan Garbarek, Brian Blade, Tord Gustavsen u.a. im ausgehenden 20. Jahrhundert christliche Spiritualität als eine wesentliche Inspirationsquelle in das Zentrum ihres musikalischen Schaffens rückten und, wo es möglich wurde, auch in Kirchräumen konzertierten. Dies äußert sich seit etwa 20 Jahren in neu entstehenden Jazzgottesdienstreihen, Publikationen, Tagungen und Lehrveranstaltungen in den Ausbildungsstudiengängen. Aus zwei Tagungen in Loccum 2015 und Leipzig 2017 zum Thema Jazz und Kirche mit insgesamt 300 beteiligten Musiker*innen und Theolog*innen aus 10 Ländern formierte sich im Dezember 2017 die ökumenische Bewegung Blue Church, die jährliche Netzwerktreffen, den Austausch musikalisch und liturgisch aktiver Akteure und den Aufbau von Jazzkirchen in Deutschland befördern möchte (www.bluechurch.ch).

Jazz in Berliner Kirchen
Seit einem Jahrzehnt gibt es auch in Berlin verstärkt Bestrebungen, eine Kirche mit Jazz als zentraler musikalischer Musikform aufzubauen. Bisher sind es aber Angebote einzelner Gemeinden und darin engagierter Einzelpersonen, welche diese Klangfarbe in Berliner Kirchen ermöglichen.

So gibt es seit 2009 an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskircheauf Initiative des Berliner Jazzmusikers Uwe Steinmetz die sommerliche Theologie & Jazzreihe IN SPIRIT, die 2014 mit Unterstützung des EKD Kulturbüros bundesweit über 70mal stattfand und zudem in Kirchen in Frankreich, Russlands und der Schweiz gastierte. Die aus diesem Momentum entstandene monatliche popularmusikalische Gottesdienstreihe Psalmton zählt regelmäßig 200 Besucher*innen und damit zu den erfolgreichsten Gottesdienstformen dieser Kirche. Ferner betreibt die Kulturkirche Nikodemus in Neukölln seit Jahren unter Leitung des Jazz- und Kirchenmusikers Volker Jaekel mit der Reihe ZEITKLANG alternative Gottesdienstformen, die improvisierte Musik, Weltmusik und Jazz verbinden und ist zugleich zu einem gut besuchten Konzertort in einem multikulturellen Kiez geworden. Auch die Jazzsängerin, Pianistin und Theologin Axinia Schönfeld bestreitet schon länger regelmäßig Jazz-Gottesdienste und Jazz-Konzerte und initiiert Kulturkirchenarbeit, so u. a. in der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Kreuzberg und in der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche in Berlin-Tiergarten. Und sie begeistert damit nicht nur die Ortsgemeinde, sondern auch Kirchenferne.
 
 

Bedarf

Laut Studien des Deutschen Musikinformationszentrums gibt es fast ebenso viel Menschen in Deutschland, die Jazz als bevorzugte Musikform hören wie Klassische Musik, 27,4 % gegenüber 33,6%; Blues, Spirituals und Gospels liegen bei 32,4 %.5 Die Studie belegt ferner, dass die Jazzhörer*innen im Vergleich zu Fans Klassischer Musik gleichmäßiger über alle Generationen vertreten sind. Dies bestätigen auch die erfolgreiche Nachwuchsarbeit und die Generationen übergreifende Hörerschaft bei Jazzfestivals. Die Sinusstudie von 2012/15 differenziert zudem die Milieus der wichtigsten Hörergruppen aus. Dies unterstützt Praxiserfahrungen von jazzgottesdienstlicher Arbeit, dass sich ein überwiegend neues kirchliches Publikum jenseits der „Traditionellen“ und der „Bürgerlichen Mitte“ angesprochen fühlt,
 und dabei keine Konkurrenz zu klassischen Formen der Kirchenmusik oder zu Pop/Rock/Musik-Gottesdiensten entstehen. Daher ist auch eine kirchliche Arbeit mit Jazz weder mit kultureller Kinder- und Jugendarbeit noch mit Popularmusikalischer Arbeit im Worship-, Sacropop- und Gospel-Bereich gleichzusetzen.
 In Berlin sind die oben genannten Milieus in potenter Größe vertreten, so dass auch von einem an einer JazzKirche interessierten Publikum in einer relevanten Zahl ausgegangen werden kann. 
 
 

Für Theologie und Kirchenmusik können Jazzgottesdienste neuen Erkenntnisgewinn und nötige Spielräume für das Überdenken und Erproben von Liturgischen Formaten und den Einbezug von Gegenwartsmusik eröffnen.

 Damit wäre die JazzKirche ein sogenannter „Dritter Ort“ von Kirche. Denn sie umschließt die Institution (EKBO/ EKD) und die Parochie. Aber sie ist eine darüber hinausgehende, eigene Form der Kirche, die neben der verfassten Kirche aufbricht, um neue, weitere theologische Horizonte zu erschließen. Gerade im Zuge von zunehmenden Kirchenaustritten und demografischem Wandel sind solche Orte vonnöten. Sie geben wenig bis gar nicht genutzten Kirchengebäuden einen neuen Sinn und sie öffnen Kirchentüren für eine  neue Lebenswelt und Musiker- und Fan-Gemeinschaft rund um den Jazz.
 Gleichzeitig besteht seitens der multikulturellen Jazz-Community in Berlin ein vitales Interesse an neuen Veranstaltungszentren, die neben Konzerten Bildungsarbeit in Form von Musikvermittlung und Workshops durchführen und de, Jazz eine breitere gesellschaftliche Basis bieten und ein neues Publikum eröffen. Die wachsende Bedeutung Berlins als globale Jazzmetropole mit dem neue entstehnden House of Jazz lassen somit auch den Bedarf eines Internationalen Jazz Centers offenkundig werden, welches die religiösen und spirituellen Wurzeln und gegnwärtigen Potentiale des Jazz in den Mittelpunkt stellt.